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Große grüne Batterie

Der Lysefjord im Südwesten Norwegens ist spektakulär: 42 Kilometer weit ragt der dunkelblaue Meeresarm ins Landesinnere, eingerahmt von schroffen, Hunderte Meter hohen Felswänden. An seinem Ende verbirgt sich tief im Gestein ein Glanzstück anderer Art: das neue Wasserkraftwerk Lysebotn II. Die Lyse-Gruppe erzeugt hier hocheffizient „grünen Strom“ – wirkungsvoll unterstützt von ANDRITZ.

Norwegen setzt seit langem auf nachhaltige Stromerzeugung, 98 Prozent der heimischen Elektrizität wird mittels Wasserkraft generiert. Mit elf eigenen Wasserkraftwerken und Beteiligungen an drei weiteren produziert die Lyse-Gruppe Energie für rund 150.000 Haushalte. Und das Konglomerat will weiter wachsen. Dabei spielt das neue Kraftwerk Lysebotn II eine prominente Rolle. ANDRITZ entwickelte, lieferte und installierte das Herz der Anlage: zwei Hochdruck-Francisturbinen mit den dazugehörenden Generatoren. Bjørn Honningsvåg, CEO von Lyse Produksjon AS, erläutert im Gespräch mit Andres Hernandez, Projektleiter von ANDRITZ, Hintergründe und Perspektiven des Projekts.

Andres Hernandez und Bjørn Honningsvåg

© Jan Philip Welchering

Andreas Hernandez — Das neue Wasserkraftwerk in Lysebotn erzeugt 15 Prozent mehr Energie als das alte. Wie funktioniert das?

Bjørn Honningsvåg — Indem wir mit den gleichen Wasserressourcen mehr Strom erzeugen. Wir schufen einen neuen, fast acht Kilometer langen Tunnel, durch den das Wasser aus dem extrem hoch gelegenen Reservoir ins Tal fließt. Das Reservoir selbst bleibt, wie es ist, die Umgebung wurde weitgehend geschont. Fast alle Arbeiten, die beim Neubau notwendig waren, vollzogen sich im Inneren des Berges.

Was genau leisten die neuen ANDRITZ-Aggregate?

B. H. — Wenn beide Hochdruck-Francisturbinen mit voller Leistung laufen, stellen sie zusammen 370 Megawatt bereit. Die alte Anlage konnte lediglich 210 Megawatt bereitstellen. Die jährliche Kapazität von Lysebotn steigt auf 1,5 Terawattstunden. Da das bestehende Reservoir für die beiden neuen Einheiten genutzt werden kann, mussten wir keine neue Umweltlizenz beantragen, was relativ teuer und aufwändig gewesen wäre.

Warum überhaupt dieser Neubau? Was bedeutet das Kraftwerk für Lyse?

B. H. — Ein Grund ist die höhere Kapazität, die ich ja bereits erwähnte. Das ist aber nicht alles. Zudem werden wir effizienter und flexibler. Gut 200 Millionen Euro flossen in den gesamten Neubau, und wir sehen darin eine kluge, langfristige Geldanlage, die uns insgesamt beweglicher und wettbewerbsfähiger macht. Ein wichtiger Treiber ist die Umweltpolitik und -strategie der EU bis 2050: Die Mitgliedstaaten forcieren die Nutzung erneuerbarer Energiequellen stark, und sie werden künftig doppelt so viel Strom verbrauchen wie heute. Daran wollen wir partizipieren. Die höhere Effizienz in der Stromgewinnung ermöglicht uns auch die Beantragung von Ökostromzertifikaten, wodurch sich uns eine neue Einnahmequelle erschließt.

Inwiefern?

B. H. — Einer der großen Vorteile der Wasserkraft ist, dass die Produktion flexibel gestartet und gestoppt werden kann – im Gegensatz zu Wärmekraftwerken, bei denen der Start und die Regelung sowohl teuer sind als auch mehrere Stunden dauern können. Lysebotn II ist wie eine gigantische grüne Speicherbatterie, die Deutschland und Großbritannien variabel mit zusätzlichem Strom versorgen wird, sobald die Verbindungskapazität zwischen Norwegen und Kontinentaleuropa bzw. Großbritannien mittels Unterseekabel erhöht wurde. Die entsprechenden Bauvorhaben laufen ja bereits.

Maschinenhalle des neuen Kavernenkraftwerks Lysebotn II mit den ANDRITZ-Generatoren in der Mitte.

© Kristofer Ryde
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„ANDRITZ ist sehr wettbewerbsfähig, was die ökonomischen Kriterien anbelangt. Zudem wünschten wir uns viel Know-how und Erfahrung mit Hochdruck-Francisturbinen.“

Bjørn Honningsvåg

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang ANDRITZ als Partner für Lyse?

B. H. — ANDRITZ machte ein sehr wettbewerbsfähiges Angebot. Zudem suchten wir einen Partner mit sehr viel Know-how und Erfahrung mit Hochdruck-Francisturbinen. ANDRITZ erfüllte exakt unsere spezifischen Anforderungen. Das Wasser aus dem Reservoir rast mit 60.000 Litern pro Sekunde aus 665 Metern Höhe in die Anlage, was extreme Bedingungen darstellt und die technische Ausrüstung auch äußerst beansprucht. Wir benötigen sehr robuste, kompakte und effizient arbeitende Turbinen, die in der Lage sind, die gewaltigen Kräfte verlässlich zu verarbeiten. Turbinen, die im Bedarfsfall problemlos häufig gestartet und gestoppt werden können und die exakt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Was genau bedeutet das?

B. H. — Wichtig für uns ist der sogenannte Phasenschieberbetrieb, in dem die Turbinen betrieben werden können. Ohne zu sehr in technische Details zu gehen: Es geht um die Möglichkeit, die Maschine mit Luft zu betreiben. Das Laufrad wird zu diesem Zweck vom Wasser entleert, und der Generator wird als Motor verwendet. In diesem Betriebsmodus kann die Maschine wichtige Hilfsdienste für die Stabilisierung der Frequenz des Stromnetzes verrichten. Wenn künftig immer mehr fluktuierende Energieträger wie
Windkraft und Sonnenergie ins Stromnetz eingespeist werden, dürfte sich das zu einer wertvollen Serviceleistung entwickeln, die wir an den Netzbetreiber verkaufen möchten.

Das neue Kraftwerk ist seit einigen Monaten in Betrieb. Wie lautet das Zwischenfazit?

B. H. — Lysebotn II arbeitet zu unserer vollen Zufriedenheit. Natürlich sind wir permanent mit dem Feintuning beschäftigt, das ist normal. Als wir das Projekt mit ANDRITZ im November 2013 vertraglich besiegelten, legten wir als Termin für die Inbetriebnahme den 20. Juli 2018 fest. Exakt dieser Tag wurde erfreulicherweise auch eingehalten, obwohl die logistischen Anforderungen anspruchsvoll waren: Alle Teile mussten per Schiff durch den Fjord angeliefert werden, der Zeitplan war straff, im Inneren der Anlage war
wenig Raum zum Lagern und Rangieren. Trotzdem wurde alles pünktlich fertiggestellt, und, das ist uns sehr wichtig, es gab zum Glück nur einen einzigen mittelschweren Unfall. Arbeitssicherheit hat höchste Priorität für uns.

Wie geht es weiter, welche Pläne hat Lyse?

B. H. — Im Frühjahr 2019 werden wir das Metris DiOMera-System von ANDRITZ installieren. Dabei handelt es sich um ein digital gestütztes Werkzeug, mit dem wir die Wartung vorausschauend optimieren können. DiOMera greift permanent auf eine Vielzahl an Sensordaten zurück, die wir in Echtzeit aus dem laufenden Betrieb des Kraftwerks erhalten. Damit können wir die Restlebensdauer von Komponenten prognostizieren und präzise Wartungspläne erstellen, um die Ausfallzeiten so gering wie möglich zu halten. Digitalisierung in dieser Form hat einen klar positiven Effekt, den wir in Zukunft auch in anderen Kraftwerken nutzen wollen. Mehr Flexibilität und Effizienz bei geringeren Kosten: So lautet ein großes Ziel innerhalb der gesamten Lyse-Gruppe. ANDRITZ hilft uns dabei, es zu erreichen.

Fast alle Teile und Werkzeuge, die für den Bau von Lysebotn II benötigt wurden, mussten
durch den Fjord transportiert werden – im Bild ein Frachtschiff mit einem Spiralgehäuse (60 Tonnen).

© Kristofer Ryde

Eingang zum neuen Kraftwerk Lysebotn II, das im Juni 2018 seinen Betrieb aufnahm

© Kristofer Ryde

Über Lyse

Lyse ist eine norwegische Unternehmensgruppe mit den Schwerpunkten Energie und glasfaserbasierte Breitbandsysteme. Sie nahm ihre Geschäftstätigkeit am 1. Januar 1999 auf, hat aber mehr als 100 Jahre alte Wurzeln. Eigentümer sind 16 Kommunen in der Provinz Sør-Rogaland. In der Gruppe sind 1.250 Mitarbeiter beschäftigt, der Jahresumsatz lag zuletzt bei umgerechnet gut 600 Millionen Euro.

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    ANDRITZ Geschäftsbericht 2019

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