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Erfolgsgeschichte: Wien Kanal

Wenn Sekunden zählen: Europas leistungsstärkste Regenwasserpumpe unter der Wiener Donauinsel

Auf der Wiener Donauinsel – bekannt für Radwege, Bademöglichkeiten, Bars und Festivals – arbeitet eine ganz andere Art von Infrastruktur nahezu unbemerkt im Hintergrund. Unter der Insel befindet sich eine der größten Abwasserpumpstationen Europas, die zurzeit umfassend modernisiert wird. Im Zentrum des Projekts steht eine einzige, aber entscheidende Erweiterung: Europas leistungsstärkste Regenwasserpumpe. 

Ihre Aufgabe klingt einfach, ist aber eine Herausforderung in der Umsetzung. Bei heftigen Unwettern muss das System innerhalb von Sekunden enorme Wassermengen bewegen – schnell genug, um Teile der Stadt trocken zu halten. 

Für Wien Kanal, den Betreiber des Wiener Abwassersystems, geht es bei dem Projekt weniger um theoretische Kapazitäten als um konkrete Maßnahmen. Der Klimawandel hat die Niederschlagsmuster in Mitteleuropa verändert. In Österreich haben stündliche Starkregenereignisse in den letzten vier Jahrzehnten um rund 15 % zugenommen. Im August 2024 entlud ein Gewitter in nur zwei Stunden mehr als 100 Millimeter Regen über Teilen Wiens. Solche Ereignisse galten früher als Ausnahme. In dicht bebauten städtischen Gebieten bleibt dabei kaum Spielraum für Fehler. 

„Für Anlagen wie das Pumpwerk Donauinsel bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: Die Systeme müssen heute nicht mehr nur große Wassermengen bewegen können, sondern dies auch innerhalb kürzester Zeit und unter maximaler Betriebssicherheit“, erklärt Otto Max Schaefer, Divisionsleiter der ANDRITZ Pumpen Division. „Extreme Niederschläge erzeugen unplanbare Spitzen, die herkömmliche Konstruktionskonzepte an ihre Grenzen bringen.“ 

VOR JAHRZEHNTEN FÜR DIE ZUKUNFT GEBAUT

Das Pumpwerk Donauinsel wurde in den 1970ern im Rahmen des Wiener Hochwasserschutzprogramms errichtet und befindet sich auf einer 21 Kilometer langen künstlichen Insel, die gebaut wurde, um die Stadt vor extremen Donauhochwassern zu schützen. Gleichzeitig wurde die Insel als Erholungsgebiet geplant – eine Doppelfunktion, die sie bis heute erfüllt. 

Schon damals ließ man Platz für künftige Erweiterungen, weil mit der Zunahme extremer Niederschläge gerechnet wurde. Fast sechzig Jahre später kommt diese Weitsicht zum Tragen. Verantwortungsvolle Infrastrukturplanung bedeutet, über den heutigen Tag hinauszudenken. Die Modernisierung soll die Bevölkerung vor den zunehmenden Auswirkungen extremer Niederschläge schützen und die Sicherheit in den Bezirken Floridsdorf und Donaustadt erhöhen. 

Aerial drone view of Danube river in Vienna Austria cityscape with danube island
© MysteryShot - stock.adobe.com

INGENIEURSKUNST FÜR KRITISCHE MINUTEN

An einem trockenen Tag befördern die Pumpen unter der Donau zwischen 600 und 2.000 Liter Abwasser pro Sekunde. Bei Starkregen steigen diese Mengen binnen Minuten stark an, Speicherbecken füllen sich und die Kanalisation erreicht ihre Kapazitätsgrenzen. In diesem Moment wird das Pumpwerk Donauinsel zum entscheidenden Sicherheitsventil. 

Im Mittelpunkt des Upgrades, das 2027 abgeschlossen sein wird, steht eine neue Hochleistungspumpe – entwickelt, gefertigt und installiert von ANDRITZ. Mit einer Förderleistung von 15.000 Litern pro Sekunde erhöht sie die Gesamtleistung der Station auf 55.000 Liter pro Sekunde. Damit ist sie die leistungsstärkste urbane Regenwasserpumpstation Europas. 

Wien Kanal

Die Dimensionen sind kaum vorstellbar: Die Pumpe ist rund 8,4 Meter hoch und wiegt etwa 24 Tonnen. Bei voller Leistung könnte sie ein olympisches Schwimmbecken in weniger als drei Minuten entleeren. In der Praxis sind diese Minuten entscheidend. Sie machen den Unterschied, ob Wasser kontrolliert in die Donau abgeführt wird oder sich in Straßen und Kellern staut. 

Doch Größe allein war nie die eigentliche Herausforderung. „Bei der Inbetriebnahme einer Pumpe dieser Kapazität geht es nicht um spektakuläre Zahlen, sondern um Präzision“, sagt Tine Kocbek, Senior Project Manager bei ANDRITZ. „Jede Komponente muss sofort volle Leistung bringen, sobald das System sie anfordert.“

Die Pumpe wurde von ANDRITZ entwickelt, gefertigt und in Betrieb genommen – auf Basis von mehr als 170 Jahren Expertise im Bereich Pumpentechnologie. Die Wahl auf ANDRITZ fiel auch aufgrund der außergewöhnlichen Anforderungen des Projekts: Häufige Start-Stopp-Vorgänge unter äußerst widrigen Bedingungen machten eine herkömmliche Standardlösung ungeeignet. Um in kritischen Momenten eine verlässliche Funktion sicherzustellen, war eine speziell optimierte und exakt auf die Kundenanforderungen abgestimmte Pumpe erforderlich. 

Der Beitrag von ANDRITZ ging weit über die Pumpe selbst hinaus. Auch hydraulische Schütze, Druckventile, Rohrleitungen, Frequenzumrichter und Softwareintegration werden im Zuge des Projekts modernisiert. Das hydraulische Design des Laufrads und Pumpengehäuses wurde optimiert, um den enormen Kräften bei Spitzenlast standzuhalten. Das Ergebnis ist eine Lebensdauer von rund 50 Jahren, wobei die Pumpe nur etwa 50 Stunden pro Jahr laufen wird. 

WENN JEDE SEKUNDE ZÄHLT

Die Pumpe wird die meiste Zeit im Standby-Modus verbringen. Doch wenn sie gebraucht wird, muss sie sofort funktionieren. So sieht moderner Hochwasserschutz aus: Infrastruktur, die nicht für alltägliche Bedingungen ausgelegt ist, sondern für jene Momente, in denen jede Sekunde zählt. 

Für die Bevölkerung steigt damit die Sicherheit und für die Betreiber gewinnt das System an Geschwindigkeit, Präzision und Widerstandsfähigkeit – es kann innerhalb von Minuten aus dem Kaltstart hochfahren. 

Bei außergewöhnlichen Unwettern bewährt sich die Modernisierung dort, wo es zählt – unter der Oberfläche. Ihre Wirkung wird daran messbar, dass Wasserströme frühzeitig erfasst, gesteuert und zuverlässig abgeleitet werden. 

Wien Kanal

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